Es gibt Momente im Leben, da geschieht nichts Spektakuläres. Niemand applaudiert. Kein Himmel öffnet sich. Keine Stimme spricht.
Und doch endet in diesem Augenblick eine lange Geschichte.
Aber es ist kein wirkliches Ende, sondern:
Der Kreis schließt sich
Ich glaubte mein ganzes Leben, ich müsste etwas werden - etwas tun, um jemand zu sein.
Ich müsste heilig werden.
Ich müsste geliebt werden.
Ich müsste anerkannt werden.
Ich müsste jemand werden.
Dabei war ich die ganze Zeit auf der Suche nach dem, was ich niemals verloren hatte.
Mich selbst.
Ich suchte mich in Vergleichen.
Ich suchte mich in Urteilen, Bedeutungen und Bewertungen.
Ich suchte mich in Menschen.
Ich suchte mich durch Nähe oder Abgrenzung zu ihnen.
Ich suchte mich in ihrer Anerkennung, ihrem Verständnis oder ihrer Zuneigung.
Ich suchte mich in ihren Büchern und Predigten.
Ich suchte mich in meinen Träumen.
Ich glaubte vergeblich, ich könnte mich irgendwo da draussen finden.
Dann suchte ich mich im Job, in Alkohol, Glücksspiel und Pornografie. Um den Rest von mir darin zu verlieren.
Heute ist mir bewusst:
Niemand und nichts kann mir geben, was ich bereits bin.
Ich hatte nur meinen eigenen Wert aus mir herausgelöst und ihn nach außen in andere Menschen oder Dinge hineingelegt, um ihn dann wieder zu suchen.
Aber ich fand ihn dort nicht mehr.
Menschen und Dinge wurden lediglich zu Trägern meiner eigenen Bedeutung und die Sehnsucht nach mir selbst blieb in meinem Herzen zurück und bestimmte meine Tage.
Mein Glück hatte ich ausgelagert. Was blieb, war der tägliche Versuch meinen Mangel an Glück irgendwie zu füllen.
Ich hatte vergessen, woher Liebe wirklich kommt. Ich konnte nicht glauben, dass sich ihre Quelle in meinem Herzen befindet.
Die Leere des Nichts kam näher.
Kleinheit und Minderwertigkeit waren meine Begleiter.
Mein Körper sprach von Ohnmacht.
Von Scham.
Von Sehnsucht.
Von dem Wunsch, endlich ganz gesehen zu werden.
Ich kämpfte gegen ihn.
Ich verurteilte ihn.
Ich wollte ihn kontrollieren.
Durch verrückte Taten versuchte ich Gefühle zu ändern. Gespaltene Gedanken verwirrten mich:
Was ich wollte, wollte ich nicht. Und was ich nicht wollte, das wollte ich.
Heute bin ich mir bewusst:
Mein Körper hat nie gegen mich gearbeitet.
Er hat mich nur über Jahrzehnte hinweg treu auf die Wunde in meiner Seele hingewiesen. Ich hatte sie selbst gespalten. In scheinbar widersprüchliche Gedanken und Gefühle. Wie? Durch meine eigenen Urteile, Bewertungen und Bedeutungen, die ich auf alles und jeden legte, während ich mich jedoch selbst von ihnen getrennt wahrnehmen wollte.
Das ist unmöglich.
Ich scheiterte.
Ich musste nun lernen, nicht mehr gegen mich selbst und meine eigenen Gedanken und Gefühle zu kämpfen.
Denn Gefühle sind weder Feinde noch Herrscher.
Sie sind Bewegung.
Wie Wind.
Wie Wellen.
Jedoch: Der Wind bestimmt den Himmel nicht. Die Welle bestimmt das Meer nicht.
Und meine Gefühle bestimmen nicht, wer ich bin.
Früher war ich jede einzelne Welle.
War ich Lust.
War ich Angst.
War ich Scham.
War ich Ohnmacht.
Was ich nicht bemerkte war: Ich war auch der Wind, der diese Wellen erzeugte.
Daraus wurde langsam ein Sturm, der eine riesige Monsterwelle erzeugte, die über mein Leben hereinbrach und meine gedachte Identität verschlang.
Stille.
Heute bin ich der Himmel in dem die Brise weht und bin das Wasser, in dem die Bewegung der Wellen erscheint.
Sie kommen.
Sie gehen.
Ich bleibe.
Das Erstaunlichste geschah jedoch dort, wo ich es niemals vermutet hätte.
Mein Körper und sein Empfinden veränderte sich.
Früher genügte eine bestimmte emotionale Situation, und mein Körper reagierte auf jegliche Art, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte.
Heute geschieht etwas völlig anderes. Nicht weil ich Kontrolle gewonnen hätte. Sondern weil der Kampf aufgehört hat.
Wo keine innere Spaltung mehr herrscht, muss der Körper sie auch nicht mehr ausdrücken oder nach aussen projizieren.
Ich erkannte etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt.
Mein Körper zeigt die Form eines Mannes. Er erinnert mich jedoch daran, dass jede Form nur Form ist. Sie sieht aus wie echt. Und doch verweist sie als halbe Sache auf etwas Größeres, Ganzes.
Ich bin nicht die Hälfte, die nach ihrer anderen Hälfte suchen muss.
Ich bin bereits das Ganze, das sich vorübergehend als Hälfte erfährt, um sich im Geist als Ganzes wieder zu erkennen. Dort, wo wir alle das Gleiche sind.
Die Einheit ist in der Geteiltheit zugegen. Als das wahre ICH der ungeteilten Liebe. Noch unter dem ICH der Welt versteckt, das diese Wahrheit überdeckt. Aber schon immer hier. Mitten in uns allen.
Seitdem hat sich mein Blick verändert.
Wenn ich einem Menschen begegne, suche ich mich nicht mehr in ihm.
Ich erkenne mich in ihm.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Vergleich hört auf.
Konkurrenz verschwindet.
Neid löst sich auf.
Schuld kann nicht mehr gefunden werden.
Denn wer sollte mit wem konkurrieren, wer sollte anders sein und wer könnte verurteilt oder ausgeschlossen werden, wenn das Sein des Lebens sich in jeder Form selbst begegnet?
Der Kreis hat sich geschlossen.
Nicht weil meine Vergangenheit verschwunden wäre, sondern weil sie aufgehört hat, über meine Gegenwart zu bestimmen.
Meine Riesen sind nicht tot. Denn ich habe sie nicht erschlagen. Ich lernte, sie in mir zu durchlieben.
Heute beherrschen sie mich nicht mehr, sondern dienen mir.
Sie zeigen mir, wo einst Schmerz war, und an welchem Ort im Inneren anderer Menschen heute der Schmerz sitzt.
Und sie erinnern mich stets daran, wie tief bedingungslose Liebe heilt und wiederherstellt, was nie krank oder kaputt war.
Heute bin ich vollständig und stehe fest in der Mitte meines Gartens.
Nicht außerhalb von mir.
Nicht bedroht durch meinen eigenen Wind oder das Wetter anderer.
Nicht außerhalb von Freude und Trauer.
Sondern wie ein Baum.
Mittendrin.
Verwurzelt.
Still.
Lebendig.
Früher dachte ich, Frieden entstünde dadurch, dass alle Gefühle verschwinden.
Heute bin ich mir bewusst:
Einzelne Gefühle - Freude und Leid, Lust und Schmerz - sind nur Teile der Stille. Sie ist alles.
Extrahiere ich jedoch ein Teil gedanklich aus ihr heraus und mache es als separates Gefühl einzeln spürbar, dann verdecke ich damit mir nur selbst den Blick auf die still liebende Ruhe, die ich in mir bin.
Die Summe aller Gefühle ist Ruhe.
Nicht weil keines mehr da wäre.
Sondern weil keines mehr gegen das andere kämpfen muss. Alles darf gleichzeitig und gleichförmig da sein. Ohne Bedingungen. Ohne Abtrennungen. Ohne Spaltung.
Genau das ist die Liebe.
In ihr kannst du aufzuhören, dich zu suchen, denn sie ist es, die in dir bewirkt, dass du dich selbst nicht mehr verlierst.
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